Die andere Seite von Bezness

Bezness – die andere Seite

Bezness

die andere Seite

“Du bist nichts und du hast nichts und dann ziehst du den Anzug an und alle Frauen stürzen sich auf dich. Und die riechen so gut! Ich hätte nie gedacht, dass Frauen so sein könnten. Ich meine, du hast gar keine Chance -nein- zu sagen. Und Geld haben sie auch noch, die können sich alles kaufen! 2 – 3 Mal am Tag drückt dir eine ihren Schlüssel in die Hand, einfach so!”  (Zitat aus dem Film “Dirty Dancing”)

Bezness zu verdammen ist recht einfach. Die Schuldigen stehen fest, die Opfer werden bedauert und das Business angeprangert. Doch wie alles auf der Welt hat auch diese Medaille mindestens zwei Seiten.

Wie bereits geschrieben, passiert Bezness überall auf der Welt wo reiche Touristen auf Einheimische treffen, die sich von Beziehungen zu den Reisenden eine Verbesserung ihres eigenen Lebensstandards erhoffen. Ebenso gibt es aber die Touristen, die genau das für sich ausnutzen. Der Klassiker ist wohl das Geschäft zwischen Asiatinnen und westlichen Herren.

Natürlich gibt es die Damen, die nach Tunesien reisen, um sich ein paar Wochen zu vergnügen. Wohl wissend, dass es sich nur um ein Geschäft handelt, geben sie gerne kleine Geschenke und nehmen dafür den Spaß und das Ego-Pushing.
Das ist klassischer Sextourismus, den ich an dieser Stelle nicht weiter bewerten will.

Bezness kann es nur geben, weil es Menschen gibt, die so arm sind, dass sie anderen Menschen Gefühle vorspielen um sich Geld, Geschenke und/oder die Aufenthaltsgenehmigung in Europa zu verschaffen.

Kein Animateur, Kellner, Tellerwäscher, Wachmann oder Rezeptionist kommt aus der tunesischen Mittel- oder gar Oberschicht. Sie alle stammen aus einfachen Familien, die oft auch noch sehr weit weg leben.
Die Menschen, die uns den superbilligen All-inclusive-Urlaub überhaupt erst ermöglichen, verdienen im Schnitt ca. 200-400 TND im Monat. Das sind aktuell ungefähr 70-130 Euro.
Natürlich sind die Preise in Tunesien aus unserer Sicht niedrig, aber im Verhältnis zum Einkommen sind die Lebenshaltungskosten in Tunesien viel höher als in Deutschland.  Vor allem aber muss man bedenken, dass der Verdienst eines Hotelangestellten nicht nur ihm, sondern seiner gesamten Familie gehört. Oft sind die jungen Männer die einzigen Verdiener.
Die hübschen Hoteluniformen verdecken es zuweilen, aber manch ein Angestellter hat nur eine Hose und 2 Hemden im Schrank.
Die jungen Männer (und zunehmend auch Frauen) arbeiten täglich mindestens 12-15 Stunden. Morgens Wassergymnastik, dann Probe für die Show, Vor-dem-Essen-Animation, Volleyball, Kajak- oder Katamaranverleih, Kinderanimation, Nachmittagsspiele, Umziehen, nett Lächeln bei der Vor-dem-Abendessen-Animation, Essen mit den Gästen, Minidisco, Abendprogramm, Gästeunterhaltung, Disco bis nach Mitternacht. Am nächsten Tag alles wieder von vorn mit einem freien Tag in der Woche.

Da ist, bei 40°C im Schatten, nicht unbedingt ein Traumjob.

Und dann kommen wir.

20kg Gepäck für eine oder 2 Wochen in riesigen Koffern, Klamotten, die wir täglich 3x wechseln, jede Menge Kosmetik und Unterhaltungselektronik. Wir trinken schon vormittags unser erstes Bier, rauchen wie Schlote und tun den lieben langen Tag nichts anderes als uns die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Ein paar Runden im Pool, Essen und vielleicht ein bisschen schwatzen. Am dritten Tag sind wir krebsrot, aber glücklich und möchten unterhalten werden. Wir kaufen… Henna-Tattoos, Postkarten, Süßigkeiten, Olivenholzküchenbesteck, Plüschkamele, orientalische Gewänder, in denen wir den ganzen Tag umherlaufen und Schmuck… jede Menge Schmuck. Und wir riechen so gut!
Wir lassen uns Cocktails an den Pool bringen, die wir nur halb austrinken. Überall liegen die angefangenen Wasserflaschen im Gras und der Inhalt köchelt in der Sonne.  Wenn wir vom Essen aufstehen, sehen unsere Tische aus wie S.. und an der Anordnung der Reste auf dem Buffet hätten sich die Römer bei der Zerstörung Karthagos ein Beispiel nehmen können.
Wir klopfen jedem Angestellten, die alle Ali heißen, kumpelhaft auf die Schulter und beschweren uns dabei über jeden Krümel in unseren Zimmern. Mit großer Geste und gutem Gefühl lassen wir der Putzfrau 1 Dinar auf dem Bett liegen, zahlen aber 50 Dinar für 10 Minuten mit dem Jetski.
Plumpsen wir doch mal versehentlich aus dem Hotel, rotten wir uns in Grüppchen zusammen und fahren mit dem klimatisierten Bus unseres Reiseveranstalters direkt zur Sehenswürdigkeit, wo wir dann nur widerwillig unsere nackten Schultern und Knie bedecken. Auf dem Weg dorthin haben wir den vielen Müll gesehen, über den wir uns dann beim abendlichen kostenfreien Besäufnis bei Ali beschweren.

Aber die Tunesier lieben uns.

Wegen unseres Charakters natürlich!

Ähm.. nein 😉

Man kann es ihnen nicht einmal verübeln.

Einer der größten kulturellen Unterschiede zwischen Tunesien und Europa ist die Beziehung zwischen Mann und Frau. Während unsere Teenager sich ab einem gewissen Alter fast unendlich ausprobieren können und dürfen, leben die jungen Menschen in Tunesien sehr eingeschränkt. Eine Beziehung zwischen Mann und Frau ohne verheiratet zu sein, existiert dort schlicht und ergreifend nicht. Auch Männer sollen (eigentlich) jungfäulich in die Ehe gehen. Hat sich ein junger Mann verliebt, muss er erst einmal anfangen zu sparen, denn neben der Sympathie entscheidet auch die Höhe seines Vermögens darüber, ob die Angebetete einer Hochzeit zustimmt.
Niemals, und ich meine wirklich niemals, würde ein tunesischer Mann eine ältere Frau heiraten!
Die jungen tunesischen Frauen haben sich sittsam zu verhalten und zu kleiden. Selbst Gespräche mit fremden Männern werden nicht geduldet, vorehelicher Sex ist absolut tabu. Wenn eine junge Dame in männlicher Gesellschaft unterwegs ist, dann ist es mit Sicherheit ein Familienmitglied. Die “Ehre der Familie” lastet wie in anderen arabisch-patriarchischen Gesellschaften auch, überwiegend auf den Schultern der Frauen. Eine tunesische Animatrice ist deshalb immernoch ein seltenes Bild.

Gruppen unterschiedlicher Geschlechter kommen selten zusammen, die Frauen und Männer bleiben meistens unter sich. Ein Herantasten und Ausprobieren, Kennenlernen und Zusammenfinden wie in unseren Breiten kennen die Tunesier in den Gegenden außerhalb der Hauptstadt kaum.

Und dann kommt ein 20-jähriger Junge aus dem zentraltunesischen Nichts, der noch nie eine Gleichaltrige länger als  3 Sekunden angesehen, geschweige denn berührt hat, in ein Touristenhotel an die Küste um Geld zu verdienen…

Hunderte Damen, die meisten leicht bekleidet, in Sommer-Flirtlaune und alle haben unfassbar viel Geld.
“Kulturschock” klingt da schon fast ein bisschen zu banal.
Man muss nur ein bisschen lächeln, schon liegen einem die Frauen zu Füßen und man wird mit Geschenken überhäuft.
Wenn alles gut läuft, kommt er bald nach Europa und kann dann für den dauerhaften Wohlstand seiner tunesischen Familie sorgen.
Der Ali, dessen Schwägerin von einem entfernten Verwandten gehört hat… hat erzählt, dass dort Milch und Honig fließen. Ein Mal im Jahr kommt dieser Verwandte mit einem übervoll geladenen Auto nach Hause und verteilt üppige Geschenke.
Nach über 40 Jahren Pauschaltourismus in Tunesien hat sich das herumgesprochen 😉

Wie aber das wahre Leben in Europa aussieht, erzählt natürlich keiner dieser “erfolgreichen” Herren. Leben in einer völlig anderen Welt, Arbeitslosigkeit, Sprachbarriere, Depression, Trennung und Einsamkeit… davon hört der Bezness-Nachwuchs leider nie!

Abgesehen davon, dass sich manche Frauen wirklich ohne jedes Nachdenken kopflos ins Abenteuer stürzen, prallen bei Bezness auch zwei sehr unterschiedliche Kulturen aufeinander. DAS wird immer wieder vergessen.
Wirkliche echte Liebe ist in dieser Branche überaus selten, dessen sollte sich jede Frau bewusst sein.

Der Schaden, den dieses Business anrichten kann, ist für beide Parteien! immens.

Nein, das ist keine Rechtfertigung für Bezness, sondern nur die andere Seite.