Ehe und Familie

Ehe und Familie

Wie in den meisten arabischen Ländern besitzt die Familie auch in Tunesien einen sehr hohen Stellenwert. Die Familien sind sehr stark hierarchisch strukturiert.

Das Familienoberhaupt ist stets der Vater, und das Zeit seines Lebens. Wenn der Vater verstirbt, hat die Mutter das uneingeschränkte Sagen in der Familie, in sehr konservativen Familien der älteste Sohn. Danach die jüngeren Söhne und erst dann die Schwestern und am Schluss die Ehefrauen der Söhne, die in der Regel nach der Hochzeit zu den Schwiegereltern ziehen.
Der Zusammenhalt in der Familie ist sehr stark und hilft so, mit den kleinen oder großen Problemen des Alltags fertig zu werden. Größere Anschaffungen werden nur in Absprache mit der Familie getätigt.Wenn jemand Hilfe braucht, ist die gesamte Familie zur Stelle um kluge oder weniger kluge Ratschläge zu erteilen.

Feste feiert man mit der gesamten Familie und wenn jemand ohne Einkommen ist, wird er von der Familie versorgt.

Allerdings hat so eine große Familie natürlich auch Nachteile: es scheint keinen Ort zu geben, an dem man allein ist, derjenige, der Geld verdient, muss man von dem spärlichen Einkommen alle Familienmitglieder mitversorgen und Entscheidungen können selten allein getroffen werden.
Auf Frauen wird besonders “aufgepasst”. Es gibt Familien, in denen die weiblichen Mitglieder das Haus nicht ohne männliche Begleitung verlassen dürfen.

Der Trend zur kleineren Familie ist jedoch gerade in der größeren Städten erkennbar. Junge Familien leben in eigenen Wohnungen oder Häusern und entziehen sich damit dem Einfluss der Eltern und Großeltern.
Es werden weniger Kinder geboren, da viele junge, gut ausgebildete Frauen auf den Arbeitsmarkt drängen. Das Bevölkerungswachstum in Tunesien liegt bei jährlich “nur noch” 2,4 %.

Es hat ein Umdenken begonnen, welches sich am westlichen Vorbild orientiert,  wobei die Entwicklung abseits touristischer Pfade auf dem Land natürlich wesentlich langsamer voranschreitet, bzw. zur Zeit sogar eher rückläufig ist. 

Die Ehe wird in Tunesien in einem zivilen Akt vor dem Standesbeamten geschlossen. Dabei geht es in den meisten Fällen eher nüchtern zu. Nach dem Unterzeichnen der Papiere und die Übergabe des symbolischen Dinars als Morgengabe ist der offizielle Teil der Hochzeit schon vorbei. (mehr zur traditionellen tunesischen Hochzeit unter “Sitten & Gebräuche“). 
Nach der Hochzeit zieht die junge Braut in der Regel bei den Schwiegereltern ein. Dem geht meistens ein recht tränenreicher Abschied von den Eltern und Geschwistern voraus. Die tunesische Ehe zu beschreiben ist nicht einfach, zumal diese sich mit den Zuwachs der Rechte der Frauen (und auch deren Inanspruchnahme) stetig verändert.

 

Man kann natürlich nicht von DER tunesischen Ehe sprechen. Ich versuche mich daher in der heute noch überwiegend auf dem Land vorkommenden Rollenverteilung.

Die Frau hat das Zepter zu Hause in der Hand, kümmert sich um die Kinder, die Schwiegereltern und besorgt den Haushalt. Ein tunesischer Haushalt ist meistens sehr aufwendig zu führen. Für die Hilfe der Mutter werden natürlich überwiegend die Töchter herangezogen. Für eine Erziehung im westlichen Sinne bleibt, besonders in Großfamilien, in der Regel keine Zeit. Die Kinder sind (sofern sie nicht in irgendeiner Art helfen können oder müssen) sich selbst oder Geschwistern und Tanten überlassen.

Das Leben als Ehefrau ist sehr arbeitsreich auch ohne einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen. Dennoch ist die Ehe für die meisten jungen Tunesier sehr erstrebenswert, hat man doch erst dann einen akzeptablen sozialen Status inne.

Alleinerziehende, unverheiratete Mütter leben in geringer Zahl meist am Rande der Gesellschaft (anders ist das bei Witwen, diese werden, sofern sie noch jung sind, in einigen Fällen mit Verwandten des Verstorbenen verheiratet).

Das Leben der Frauen ändert sich erst, wenn die Söhne heiraten und die Schwiegertöchter ins Haus einziehen. Dann gibt es endlich Hilfe für die Ehefrau. Nach den vielen Jahren der harten Arbeit an der Seite eines mehr oder weniger tyrannischen Ehegatten werden diese dann gelegentlich zu den gefürchteten Schwiegermüttern, die Ihren aufgestauten Frust, Ihre Wut und ihre oft jahrzehntelange Unterdrückung an die jungen Frauen weitergeben.

Der Mann ist das Oberhaupt der Familie. Er hat bis zur Hochzeit immer wieder erfahren, dass er mehr wert ist als die Frau. So wurde ihm von Kindesbeinen an mehr Freizeit gestattet, als seinen Schwestern, er konnte beobachten wie das Wort seiner Mutter weniger Gewicht hatte, als das des Vaters. Seine Schwestern wurden öfter getadelt und mussten mehr arbeiten als er.

Der Mann ist überwiegend außer Haus. Entweder um Geld zu verdienen, sich in einem der zahlreichen Cafés dem alltäglichen Palaver hinzugeben,  um einzukaufen oder sich einer anderen “wichtigen” Sache zu widmen.

Auch ein arbeitsloser Mann würde nicht auf die Idee kommen, seiner Frau im Haushalt zu helfen

Die Scheidung ist in Tunesien, anders als in Ländern, in denen die Scharia gilt, auch für den Mann nur vor einem Gericht möglich. Sie kann von beiden Ehepartnern eingereicht werden. Es existiert ein Unterhaltsrecht und auch ein Erbrecht (beides sorgt für eine wirtschaftliche Absicherung nach der Scheidung, bzw. dem Ableben des Mannes).

Ältere Kinder werden nach der Scheidung in der Regel dem Mann, bzw. der Familie des Mannes zugesprochen. Die Vielehe (Polygamie) ist in Tunesien seit 1956 verboten. Die Arrangieren von Ehen ist (zumindest offiziell) verboten, das Mindestalter für die Heirat liegt bei Männern bei 20 Jahren und Frauen müssen mindestens 17 Jahre alt sein.

Ausschließlich islamisch geschlossene Ehen sind in Tunesien verboten, rechtsgültig ist nur eine staatlich geschlossene Ehe mit Ehevertrag.

Seit September 2017 dürfen auch die tunesischen Frauen Nichtmuslime heiraten, was ein absolutes Novum in allen islamischen Ländern ist.